HAVE A LOOK FOR
2008 bis 2010
HINTERGRUND
Natürliche Strategien auf Problem zu reagieren, geschehen oft schneller und flexibler als dieBemühungen menschlichen Handelns. Während die Existenz eines Faktes noch diskutiert wird,
hat die Natur oft schon Strategien entwickelt, um sich an seine Auswirkungen anzupassen.
So können Tiere, insbesondere Vögel, Indikatoren für natürliche, gesellschaftliche und soziale
Zustände, Prozesse und Veränderungen sein.
Die Großtrappe – Otis t.tarda, L.1758
größte heimische Vogelart und schwerster flugfähiger Vogel weltweit.
Sein Bestand ist global gefährdet und in zahlreichen europäischen Ländern ist die ehemals weit
verbreitete Art bereits ausgestorben. In Deutschland ging ihre Population seit 1940 von ca. 4100
auf 115 Tiere bei der Erfassung im Jahr 2009 zurück. Dieser verbleibende Rest ist nur noch in
Schutzgebieten mit menschlicher Hilfe überlebensfähig.
Als ursprünglicher Steppenbewohner fand die Großtrappe Dank der weiträumigen Erschließung
landwirtschaftlicher Nutzflächen durch den Menschen im 17. und 18.Jahrhundert auch in
Mitteleuropa ideale Lebensbedingungen – für eine begrenzte Zeit. Die Entwicklung ging weiter,
und was anfangs Existenzgrundlage geschaffen hatte, führte nun durch die Intensivierung der
Landwirtschaft innerhalb weniger Jahrzehnte zur Zerstörung ihres Lebensraumes.
Ist dies ein natürlicher Prozess von Veränderungen, von Kommen und Gehen oder ein Fakt von
größerer Relevanz, ein Indikator, welcher einen spürbaren Verlust in unserem Leben nach sich zieht?
___ LANDSCHAFT OHNE VOGEL ___
Verlust ist nur dann wahrnehmbar, wenn ich die Erfahrung des Erlebens einer Sache, einer
Person oder eines Gegenstandes besitze und wenn ich sensibilisiert für die Nicht-Mehr-Existenz
des verlorenen Etwas bin.
Demzufolge benötige ich Zeugen, um den Sachverhalt und das Gefühl des Verlustes benennen
und definieren zu können. Als offizielle Beobachter der letzten wildlebenden Großtrappen in den
jeweiligen Landkreisen unserer Region kann ich folgende Personen ausfindig machen:
ZEUGEN:
R. Thiele, CobbelsdorfM. Richter, Marke
A. Rößler, Zerbst
F. Weber, Klobikau
Ich interviewe die Zeugen zu den Umständen dieser, teilweise schon länger zurückliegenden Begegnungen.
Durch ihre Aussagen kann ich die Beobachtungspunkte lokalisieren und so den abstrakten Sachverhalt des
Verlustes verorten:
ORTE:
Cobbelsdorf, 2005
Priorau, 1987
Pößigk, 2007
Oberklobikau, 2003
Halle Neustadt, 1964
Beim Besuch der benannten Orte kann ich persönlich keinen Verlust wahrnehmen.
Ich verfüge nicht über die Erfahrung der „Anwesenheit".
Um diese Erfahrung sammeln zu können, begebe ich mich zu einigen Punkten,
an denen die Großtrappe heute noch existent ist:
Grössere, überlebensfähige Bestände der Großtrappe sind gegenwärtig noch in Portugal
(ca. 700 Vögel), Spanien (ca. 14 000), Ungarn (ca. 1000) und Russland (ca. 7000) anzutreffen.
Um meine dortigen Beobachtungen zu stützen, suche ich nach Spuren, die eine seit
längerem andauernde Existenz der Großtrappe im jeweiligen Lebensraum beweisen.
Diese finde ich in Liedern und literarischen Texten, welche ich mir von einheimischen
Personen einsprechen und übersetzen lasse.
SPUREN:
Budapest, Dévaványa / Ungarn 01. - 09.09. 2008
Barcelona, Zamora, Villafáfila / Spanien 09. - 16.10. 2008
Die unterschiedlichen Gegenden und Landschaften erkundend versuche ich zu erfassen, welcher Unterschied durch die Existenz eines Vogels entsteht.
( 3 Graphitzeichnungen, 70×100cm )